Seebrücke Wendorf: Menschen drängen sich an der Reling, Blick auf die Bucht
Am Montag zur Mittagszeit stand ich auf der Seebrücke in Wendorf. Das Wasser war weit zurückgegangen, die Sandbank in der Wismarbucht lag fast frei und mittendrin ein Wal. Reglos, der Rücken kaum über der Wasseroberfläche. Nur das Schnaufen zeigte, dass er lebte.
Neben mir standen Dutzende Menschen. Ferngläser, Handys, gedämpfte Stimmen. Niemand ging.
Walrücken knapp über der Wasseroberfläche, Wismarbucht
Die Nachricht hatte sich schnell verbreitet. Medien aus ganz Europa berichteten, selbst die New York Times griff die Geschichte auf. Ein einzelner Buckelwal auf einer deutschen Ostseesandbank und die halbe Welt schaut hin.
Das ist bemerkenswert. Und es wirft eine Frage auf, die unbequemer ist als der Anblick selbst: Warum bewegt uns dieses eine Tier so sehr?
Wale haben etwas, das uns in den Bann zieht. Sie sind groß, sie sind still, sie wirken wie Zeugen einer Welt, die uns vorausgeht. Wenn so ein Tier strandet, wird Verletzlichkeit sichtbar, wo wir nur Stärke kannten. Das trifft uns.
Aber dieselbe Ostsee, in der dieser Wal heute liegt, leidet still:
Überdüngung, Überfischung, Unterwasserlärm, Plastikverschmutzung. Und seit einigen Jahren kaum noch Dorsche. Das unsichtbare Sterben eines ganzen Ökosystems erzeugt keine Menschentrauben auf Seebrücken, keine internationalen Schlagzeilen. Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser Geschichte: Ein greifbares, atmendes Wesen gibt dem Abstrakten ein Gesicht. Und das brauchen wir offensichtlich.
Strand bei Wendorf: nasse Sandflächen, zurückgehendes Wasser, weite Stille
Ob der Wal überleben wird, weiß am heutigen Nachmittag noch niemand. Das Gewicht des eigenen Körpers außerhalb des Wassers, die Erschöpfung, die Desorientierung: die Chancen sind nicht gut. Und doch, was bleibt, wenn die Kameras weg sind und die Flut zurückkommt, ist die Hoffnung, dass er sich erinnert, wohin er gehört.
Und vielleicht erinnern wir uns dann auch an etwas.


